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Kunst

Vom 06.02.10 bis 15.08.10

Robert Mapplethorpe in Düsseldorf

Hier Cala, Tulpe, Orchidee – dort muskulöse Körper, komplett oder konzentriert auf Rücken, Po, Penis. Hier raffinierte Eleganz und stilisierte Bildkunst, dort provozierende Nacktheit. In Robert Mapplethorpes Fotografie kommen beide Bereiche einander ganz nah: Der männliche Akt wird zum Ornament, die Pflanze gleicht einem menschlichen Organ.

Dabei denkt der Fotograf beinahe wie ein Bildhauer: Die  leibliche Hülle bietet ihm Material, um ein skulpturales Werk zu schaffen. Das Nackte erscheint als Monument Muskelfleisch, dem er mit Licht zu Leibe rückt, es plastisch formt und wie einen Fetisch zur Schau stellt.

Die Retrospektive im NRW Forum zeigt den ganzen Mapplethorpe – in aller Klarheit vor weißen Wänden und unzensiert, nachdem in den USA schon Ausstellungen von ihm geschlossen und verfemt wurden. Thematisch gegliedert, begegnen wir in 160 Aufnahmen neben den Selbstporträts Mapplethorpes seinen anatomischen Studien und Torsi; außerdem den Body-Buildings mit der Serie über die Weltmeister-Athletin Lisa Lyon, den intimen Porträts der lebenslangen Bezugsperson und Seelenfreundin Patti Smith, den bezaubernden Kinder-Bildnissen der Reichen und einer imposanten Prominenten-Galerie, darunter eine überirdisch umflorte Isabella Rossellini oder Andy Warhol in effektvollem Hell-Dunkel.

Allerdings sind die provokativen Darstellungen sadomasochistischer Praktiken  ausgespart. Der begehrte Phallos aber prangt prächtig. „Cock and Gun“ haben eine Zielrichtung: Geschütze  für Männer, Waffen auch des Terrors im Sexus. Der Abgrund des Sexuellen ist die andere Seite der unschuldig obszönen Lust und Fleischlichkeit, die sich in Blumenbildern maskiert. Es ist eine gefährliche und gefährdete, eine schamlose Schönheit, die sich in den Bildern offenbart.

Mapplethorpe war homosexuell. Das ginge keinen etwas an, wenn es nicht Thema seines Lebens und seiner Fotografie geworden wäre: als ästhetisches Grundprinzip und existentielle Wahrnehmung. Mapplethorpe hat seine Sichtweise in eine emanzipatorische Richtung gelenkt. Die wurde bald darauf kommerziell trivialisiert, von der Werbung  vereinnahmt, von der Massenkultur reproduziert. Die  Kampagnen von Modelabels wie Calvin Klein und Dolce & Gabbana wären ohne Mapplethorpe, dessen Aufnahmen Preise von 500.000 Dollar und mehr erreichten, undenkbar.

Als Mapplethorpe 1989 im Alter von nur 42 Jahren an den Folgen seiner HIV-Infektion starb, war er der berühmteste Fotograf seiner Generation. Der 1946 in Queens geborene Sohn aus katholischer Arbeiterfamilie besuchte das Pratt-Institute, begann mit Materialcollagen und Polaroids, erlebte den Aufbruch 68, den er vor allem als sexuelle Revolte gegen die Norm verarbeitete. Selbst Kenner und Sammler klassischer Fotografie, beherrschte er als Fotograf die große Geste, bevorzugte einen geometrisch strengen Bildaufbau und entdeckte zugleich das Dekorative wie Geistige der Leere. Sein kunstvolles Schwarzweiß, eine an die dreißiger Jahre erinnernde Studio-Fotografie und die exakt austarierten Arrangements feiern die Schönheit.

Perfektion der Form ist alles: ob bei einem Frauenschuh oder dem Phallus und Anus von Phillip Prioleau, Alistair Butler oder Ken Moody, einem lehmbehafteten Schenkel oder dem Antlitz eines antiken Ringers oder Müßiggängers. Aber die Verherrlichung kennt auch das Peinigende. Seine Selbstbildnisse belegen in ihrer Selbstentblößung seinen Narzissmus ebenso wie die Rolle des Akteurs in den Dunkelkammern gewalttätiger Sexualität, aber auch Krankheit und Sterben.

Mapplethorpe war in der Lichtbildnerkunst akademisch gebildet und vertraut mit den Traditionen von Wilhelm von Gloeden, Herbert List und Cecil Beaton bis zu dem Surrealisten Man Ray und dem Werk des Amerikaners Edward Weston, der den weiblichen Akt und tiefenscharfe Detailfotografie von amorpher Natur zusammenführte.

Er war Chronist jener Bohème von Manhattan, die Truman Capote in seinen Texten fixiert hat. Brillant, ehrgeizig, exzentrisch und um Auffallen bemüht, war er beides: Protagonist und Dokumentarist der Sex und Drogen zelebrierenden Epoche, die mit dem HIV-Virus aussterben sollte und exemplarisch in Mapplethorpes Album verzeichnet ist. 

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